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Jeder fängt mal an...
Auf dem Schiff ist das gar nicht so schwer
 
In Manaus, mitten im brasilianischen Urwald, im Dezember 2001. Drei klimatisierte blaue Reisebusse eines örtlichen Unternehmens quälen sich über die Hubbel einer altersschwachen Metallbrücke zu einer Schwimmpier. Hier unten herrscht Trubel: Einheimische stehen in kleinen Gruppen und plaudern, andere sitzen matt im Schatten, und Tüten und Koffer werden hin- und hergetragen. Auf der einen Seite der Pier liegen die graugestrichenen, hölzernen Fährschiffe, die den Amazonas befahren. Wäsche hängt zum Trocknen zwischen Masten und Schornsteinen, und oben auf den Decks wird offen gekocht.
Gegenüber prunkt, wie ein verirrt gelandetes Raumschiff, in blendendem, makellosem Weiß, 10 Decks hoch, die MS Europa, mit 5 Sternen "plus" ausgezeichnetes Flagschiff der deutschen Hapag-Lloyd.
Wenn die Gäste aus der schwülen Hitze des brasilianischen Urwalds gleich in das kühl temperierte Foyer der Europa treten werden, wird sich eine preisgekrönte, makellose, fein geölte Service-Maschine in Gang setzen. Hunderte kleiner Rädchen werden mit eingespielter Routine perfekt zusammenwirken obwohl sie sich erst seit einigen Tagen oder einigen Wochen kennen. Dies ist ein kleiner Blick auf die Rädchen und hinter die Kulissen: auf die Crew der MS Europa.
Sie kommen aus Köln, aus dem Ländle, aus Meck-Pomm oder Sachsen, viele auch aus Österreich: eine junge, buntgemischte Truppe. Jungs und Mädels aus der Stadt. Vom Land. Aus dem Westen. Aus dem Osten. Ganz unterschiedlich. Aber fest entschlossen, an einem gemeinsamen Strang zu ziehen für die nächsten 6 Monate.
Die meisten von ihnen haben eine Hotelfachlehre mit gutem Abschluss und schon ein oder zwei Engagements in deutschen Spitzenhotels. Traube Tonbach dort, 5 Sterne hier, 4 Sterne da.
Sie haben ihre "Embarkation" in der Karibik, in Südamerika, im Mittelmeer. Sind geflogen, haben vielleicht eine Nacht im Hotel verbracht, und sind morgens früh in einer Gruppe vom Agenten zum Schiff gebracht worden.
Dort ist an Embarkation-Tagen immer viel los, denn es wird meistens sowohl Proviant und andere Ladung aufgenommen, und gegen Nachmittag werden die Gäste der neuen Reise an Bord kommen.
Auf dem Dreier-Deck, bei der Lotsentür, wo heute die Crewgangway ist, stehen bereits andere Crewmitglieder rum und schauen, wer so einsteigt. Viele sind Wiederholungstäter. Mädchen fallen sich in die Arme, schreien vor Freude, Jungs umarmen sich und klopfen sich kräftig auf den Rücken. Schön, Euch wieder zu sehen. Die "Neuen" stehen daneben und ahnen noch nicht, dass es ihnen auch einmal so gehen wird. Aber es wirkt sympathisch.
Innerhalb einer Woche wird man die meisten hier kennengelernt haben. Man wird dann gemeinsam in der Piesel sitzen, der berühmten Crewbar der Europa, ganz vorn im Bug des Schiffes, und "Dösi" trinken, Jägermeister-Redbull, oder Myers-Cola, den Favoriten der Küchencrew, oder Wodka-Redbull, den Traum des Restaurant, denn man kann bis morgens um vier trinken und um 6 zum Frühstücksservice wieder fit aussehen, die Betonung liegt auf aussehen. Man wird gegen Maitre D Serhan Güven beim Kickerspielen verlieren, ungünstigenfalls zu null, was bedeutet, dass man unter dem Kickertisch durchkriechen muss. Es werden sich Pärchen bilden und Freundeskreise.
An langweiligen Seetagen wird man gemeinsam auf dem Crew-Sonnendeck liegen, von einer frischen Brise Fahrtwind gekühlt, beim sanften Schaukeln des großen Schiffskörpers eindösen und braun werden, während es in Deutschland gerade Dezember ist und die Eltern per email berichten, dass 20 Zentimeter Schnee im Garten liegen.
Und man wird gemeinsam raus gehen, wenn es wieder einen der heiß ersehnten Overnights gibt, das Schiff also erst am nächsten Morgen ablegt.
Dann nimmt man abenteuerliche Taxis in irgendeine Urwaldkneipe oder eine Disko in Namibia, und freut sich tierisch, wenn am Ende einer langen Nacht alle im gleichen Laden landen.
Zurück zur Embarkation. Die neu eingestiegene Crew muss nun als erstes zum Crew Purser, was auf dem Schiff soviel ist wie die Personalabteilung.
Das bedeutet nun erstmal ein bisschen Papierkram. Seemannsbuch, Seetauglichkeitsbescheinigung, Impfbuch und Pass werden abgegeben. Im Austausch dafür erhält man eine weiße Magnetkarte mit seinem Namen und Konterfei. Die wird einem in den nächsten Monaten sprichtwörtlich Tor und Tür öffnen. Denn man wird damit nicht nur in seine Kabine kommen, sondern auch seine Drinks in der Crewbar bezahlen, das Deo oder die Schokolade in der Boutique und wird sich auch bei jedem Landgang damit beim Watchman an der Gangway ab- und wieder zurückmelden. Und draußen in den Hafenstädten wird man sie statt des Passes mitnehmen, um z.B. Reiseschecks einzulösen oder um sich von neugierigen Polizisten in Durban erzählen zu lassen, dass diese Karte keinen Ersatz für einen Pass darstellt. Zumindest in Durban nicht. Und was man bitteschön um diese Zeit hier auf dieser Kreuzung will. Aber das ist eine andere Geschichte.
Im Anschluss daran, über endlose, gleich aussehende Flure mit dutzenden gleich aussehender Türen, und verschiedene, steile Treppen betritt man die Kleiderkammer im Bug der Europa. Dort blickt einen die Schneiderin prüfend an und gibt einem die passenden Uniformen. Alles wird in Listen eingetragen.
Diese Uniformen sind speziell für Hapag-Lloyd angefertigt worden, und die Qualität lässt zu wünschen übrig. Schon nach wenigen Wäschen beginnt das synthetische Mischgewebe, kleine Schläufchen nach außen zu strecken, was von fern betrachtet so aussieht, als ob sich ein Flaum auf dem dunkelblauen Stoff bildet. Und die Knöpfe der Hemden verabschieden sich schon beim ersten Anziehen. Nur mal so als Warnung.
Dann gehts weiter, in die eigene Kabine. Man stellt seinen Koffer rein, schmeißt ein paar Sachen in den Schrank und muss eigentlich auch schon gleich los. Auf dem Schiff wird nicht lange getrödelt. Learning by doing, quasi direkt ins kalte Wasser. Ein älterer Kollege, meistens aus dem selben Department, hat einen bis hierher begleitet und nimmt einen auch gleich mit zum ersten Arbeiten ins Restaurant, die Küche oder wo man halt arbeitet.
Eine Crew, das sind auf der Europa zwischen 180 und 250 Mann, je nach Auslastung des Schiffes, wechselt natürlich nicht auf einen Schlag. Etwa alle 2 Wochen fangen 10 bis 20 Mann oder Frau;-) neu an. Daher sind neue Gesichter für die Crew nichts Aufregendes und alle gut darauf vorbereitet, jemanden schnell einzuarbeiten.
Am Abend seines ersten Tages, nach Schichtende, wird man zwar müde sein und sich schnell hinlegen wollen. Aber meistens nicht umhinkommen, der sagenumwobenen Piesel, der Crewbar der Europa einen kleinen Besuch abzustatten und mit seinen neuen Kollegen einen kleinen Drink zu trinken. Aber nur einen... zumindest heute! Denn soviel ist sicher- es werden noch viele Tage Arbeit sein und noch viele Nächte in der Piesel.
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