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IT auf einem Kreuzfahrtschiff?

Heia Safari: Crew in der Mittagspause

Heia Safari: Crew in der Mittagspause

“Was willst Du denn auf einem Kreuzfahrtschiff machen – Cocktails mixen?” Der zufällig gefundene Eintrag im Forum fachinformatiker.de gab den Anstoss zu diesem Artikel. Denn ja, es gibt sie, die Möglichkeiten für Informatiker, und sie sind spannender als man vielleicht vermutet.

Gibt es auf Kreuzfahrtschiffen Bedarf für IT Fachkräfte?

Oh ja! Nicht auf allen, aber auf vielen, und in Zukunft immer mehr. Grundsätzlich gilt: je grösser die Schiffe und je neuer, desto mehr werden eigenständige IT Fachkräfte gesucht. Auf alten Schiffen sind Telefonanlage, TV Verteilung und Datennetzwerk noch strikt getrennt, sowohl von der Infrastruktur als auch von den Zuständigkeiten.

Bei Kreuzfahrtschiff Neubauten besteht hingegen die Tendenz, grösser und grösser zu bauen. Carnival Cruises “Oasis of the Seas”, Ende 2009 fertiggestellt, beherbergt bis max. 6000 Gäste und ca. 2100 Crew, und das ist nicht das Ende der Fahnenstange!

Diese Gäste müssen verwaltet, unterhalten und abgerechnet werden – und die 2100 Crewmitglieder wollen Kontakt zu ihren Familien halten, egal ob in den USA, Europa oder den Philippinen. Da kommt einiges an IT und Kommunikationsinfrastruktur zusammen. Aus Kostengründen werden immer mehr Netzwerke zusammengefasst, und immer mehr Dienste “over IP” integriert. Im Zuge dessen suchen immer mehr Reedereien nach IT Systemadministratoren und ähnlichen Positionen an Bord ihrer Schiffe.

Welche Systeme betreut man?

Kreuzfahrtschiffe sind etwas bunter von der Vielzahl der Systeme, im Umfang aber in etwa mit einer (grösseren) mittelständischen Firma zu vergleichen.

Kreuzfahrtschiffe sind modular und hierarchisch aufgebaut, und haben eine Menge Daten zu verteilen. Ideale Voraussetzungen für Datennetzwerke wie aus dem Cisco Lehrbuch. Angefangen bei der VoIP Telefonanlage, die schon bei kleinen Schiffen schnell auf 1000 Endgeräte kommt, über TV Verteilung mit IPTV, Video und Audio on demand Systemen, bis hin zu Sperenzchen wie dem wireless Babyphone, erreichen Zahl und Umfang der betreuten Systeme schnell die IT Infrastruktur eines mittelständischen Unternehmens. Besonders die Anforderungen an die Netzwerkinfrastruktur mit vielen jitter/delay-sensitiven Diensten sind erheblich.

Wegen der Distanzen von oft mehr als 100m, und der in Schiffen nicht unerheblichen elektromagnetischen Einflüsse sind die Backbones i.d.R. mit Glasfaser ausgeführt, während lokal über CAT6 Kupfer verteilt wird. In der Regel gibt es einen oder mehrere Serverräume, und mindestens pro Feuerzone einen ER (Equipment room) für die Netzwerkinfrastuktur.

Kenntnisse von WAN Infrastrukturen sind von Vorteil; Schiffe holen sich Internet-Konnektivität mit Inmarsat- oder VSAT-Systemen vom Himmel. Diese zählen oft (zumindest teilweise) zum Zuständigkeitsbereich der IT. Eine schiffsspezifische Besonderheit sind die automatisch trackenden Antennen (z.B. der Marke Sea Tel), die dem (geostationären) Satelliten über alle Schiffsbewegungen folgen (sollen). Die Antennen laufen die meiste Zeit automatisch, erfordern aber gelegentlich manuelle Korrekturen und Justierungen.

Natürlich gibts für die Verwaltung des Schiffes eine klassische Windows-AD Infrastruktur, meist alles redundant z.B. mit 2 Domain Controllern, und natürlich den obligatorischen Exchange- oder Mailserver. Daran angeschlossen sind dann 100 oder so Clients, wo neben den hotelspezifischen Systemen und (natürlich) Office auch noch ein paar exotischere Dinge vorkommen, wie Wetter- oder Ladungs-Stabilitäts-Programme für die Nautiker, oder AutoCAD für die Ingenieure.

Die Brücken- und Maschinenkontrollsysteme sind dezidierte Systeme, in die i.d.R. nicht eingegriffen werden muss, und von denen man schlauerweise auch die Finger lässt, es sei denn man hat einen Spezialisten der Herstellerfirma am Telefon und weiss was man tut. Ich sag nur Stichwort “gehärtetes” Windows 95 – im Jahre 2008!

Das Hotel Property Management System (oft von der Hamburger Firma Fidelio Cruise) arbeitet hinter den hotelspezifischen Masken und Reports mit klassischen SQL Datenbanken (im Fidelio Fall Oracle 10g). Man sollte für alle Fälle TOAD im Haus haben, aber normalerweise sind keine händischen Eingriffe nötig. Der Support von Fidelio ist gut, und als anrufender IT ist man oft überqualifiziert, denn auf kleineren Schiffen wird das Hotel-PMS vom Chief Purser oder einem etwas fähigeren Rezeptionisten betreut.

Als Kassensystem kommt z.B. MICROS zum Einsatz. Die POS (Point of Sale) Kassen sind bei diesem System “dumb clients”, die sich per TFTP ihre Software runterladen und dann über einen freundlichen Touchscreen sehr einfach zu bedienen sind. Alle interessanten Dinge passieren auf dem Server, zu dem allerdings auch leitende Hotelangestellte Zugriff haben.

Ein Schliesskartensystem ist auch mit von der Partie, z.B. VingCard von Assa Abloy (einem der weltgrössten Schliessystemhersteller). Dieses System kodiert die Gäste- und Crew-Magnetkarten mit dem Schliesscode für die Kabinentüren.Auch hier haben weitere Leute Zugriff.  Bei “komischem Verhalten” der Systeme kann man sich u.U. stundenlanges Rätseln sparen, wenn man den einen oder anderen Kandidaten streng anschaut ;).

Alle diese Systeme sind mit dem zentralen Hotel-PMS verknüpft, so dass (idealerweise) alle Buchungen eines Passagiers auf dem jeweils richtigen Konto landen, und seine Schliesskarte nur seine Kabine öffnet. Da die Systeme nicht in enormen Stückzahlen gebaut und eingesetzt werden, findet man jedoch hin und wieder mal einen Bug, wobei die Firmen meistens sehr hilfreich sind, diesen zu beseitigen.

Was sind die Aufgaben?

Neben den typischen Administrations- und Maintenance-Tätigkeiten wie Backups kontrollieren, in die Server-Logs schauen, Netzwerk-Performance Daten kontrollieren etc. gibt es natürlich auch immer wieder Probleme mit Clients, wo Hardware den Geist aufgibt. Besonders unser VoIP System war am Anfang so ein Kandidat: zahlreiche Telefone der ersten Produktionsreihen gaben den Geist auf. Ebenso das Passagiers-Entertainment-System. Vor der Umstellung auf HP Setttopboxen der meist gelesene Eintrag im Ticketsystem war “Settopbox startet nicht”.

Der User Support auf Kreuzfahrtschiffen nimmt einen nicht zu unterschätzenden Teil der täglichen Zeit in Anspruch. Als IT unterstützt man z.B. einerseits die Passagiere des Schiffes, andererseits die Angestellten an Bord. Die Komplexität reicht vom Gast-Laptop, der nicht weiss wie er die fixe IP Adresse auf DHCP umstellt, bis hin zu etwas trickreicheren Problemen, z.B. mit den Billingsystemen (Warum werden bestimmte Telefonate berechnet, andere nicht? – wollte der Chief Purser wissen). Knifflige Probleme mit Spezialsystemen kann man zu den Herstellern eskalieren. Andererseits freuen sich Hersteller von Spezialsystemen auch über tatkräftige Unterstützung von Bord – Full Swing Golf war z.B. dankbar, dass wir die ausgefallene IR-Schranke des Golfsimulators an Bord selbst tauschen konnten, und sie keinen Techniker nach Fiji fliegen mussten.

Typische Microsoft-AD Aufgaben (neue Useraccounts einrichten, alte löschen) und Clients neu aufsetzen etc. gibts natürlich auch. Gerne wird man auch mal von Kollegen herangezogen die sich mit Office verzettelt haben. Ich erinnere mich da an eine 2-Quadratmeter-Excel-Tabelle, mit der unser F&B Manager die Reiseauswertungen machte. Er scrollte die Tabelle für mich einmal durch, um mir das falsche Resultat am Boden der Tabelle zu zeigen, was auf seinem 23″ Bildschirm schon ein paar Sekunden dauerte, und sagte dann: “Du, da drin ist irgendwo ne Formel falsch – kannst die mal schnell finden?”

Auf einem Kreuzfahrtschiff, speziell mit individuellen Routen, gibt es häufige Zeitzonenwechsel (ca. 2-3 mal pro Woche), die man nachts meist händisch an den zentralen Servern durchführt, und dann kontrolliert dass sie an die Clients weitergegeben werden. Während an Land offensichtlich grosser Respekt vor der Sommer/Winterzeitumstellung herrscht, gewöhnt man sich am Schiff daran AD Tag für Tag auf neue Zeiten zu setzen. Die Systeme sind robuster als man denkt! Nur die Automatik unserer Telefonanlage (Cisco Call Manager) war immer etwas zickig und stellte sich, wenn sie die übergebene Zeitzone nicht kannte, stur auf Eniwetok (GMT-12), was nicht unbemerkt blieb, da die Display-Nachtabschaltung der Telefone dadurch aufgehoben wurde.

Neben diesen eher banalen Dingen gibt es natürlich die “Sternstunden” der IT. Unvergessen die Nacht, in der unsere Night Auditor die Zeit am Kassenrechner aus Versehen aufs falsche Datum änderte und beim anschliessenden Run der Datenbankskripte (Tagesabschluss) dadurch den Abschluss der übernächsten Reise ausführte – aus Compliancegründen kann man das nicht revidieren. Ein Anruf um 2:00 morgens beim Micros Service bestätigte, dass das ein grösseres Problem ist. Wir mussten händisch ein DB Backup vom Vortag einspielen  und noch hier und da noch einiges tweaken, bis die Datenbank wieder korrekt aussah – minus alle Buchungen des Tages, die von hand nachgebucht werden mussten (und das sind nicht wenige!). Um 7 waren wir fertig – pünktlich zum “Erwachen” des Hotels! Oder die Nacht, in der die Haupt- und Notstromversorgung ausfielen, und die gesamte Serveranlage unkontrolliert runterkam. Danach gabs auch einiges zum Aufräumen.

Wie ist das Leben an Bord?

Klingt nach viel Arbeit? Ja und Nein. Natürlich ist es kein reines Zuckerschlecken, und wie überall an Land auch gibt es einen Grund, warum man bezahlt wird ;) Die echten Notfälle kommen auch vor, sind aber selten. Im Normalbetrieb bleibt sehr ausreichend Zeit für Landgänge, und die z.T. fantastischen Ziele entschädigen für alles. Wir hatten auf der Europa z.B. 2 Schichten, eine morgens, und eine ab 17:00, so dass eine sehr lange Mittagspause für Landgang blieb. Das gleicht dann die Tatsache aus, dass man 7 Tage die Woche arbeitet.

IT ist an Bord der Schiffe ein relativ neues Thema, und wird von den Reedereien unterschiedlich angegangen. Das zeigt sich z.B. an der Eingliederung in die Bordhierarchie. Silversea und Hapag-Lloyd haben z.B. den “IT & Communication Officer”, der IT Infrastruktur und die Kommunikationsanlagen betreut und der Maschine zugerechnet wird. AIDA hat IT Techniker für die IT Systeme. Diese gehören zum Hotel. Die Verwaltung der Telefon- und Kommunikationsanlagen wird von einem “Radio Officer” übernommen, der wiederum bei den nautischen Offizieren eingegliedert ist. Prinzipiell ist das nicht unwichtig, denn auf Schiffen ist der Platz knapp, und der Rang regelt neben der Vergütung auch die Dinge wie Unterbringung, die Möglichkeiten (z.B. Zugang Passagiersbars, PAX Essen), und auch die Einsatzzeiten.

Als IT hatten wir auf der Europa Offizierskabinen, d.h. mit Bullauge (schön, Tageslicht!) und nicht mit “Bunk bed”, also Jugendherbergsbett, was die Standardunterbringung für sehr viele Crewmitglieder  an Bord ist. Die Offizierskabinen haben Alleinbelegung (es sei denn, IT Groupies zeigen ihre Dankbarkeit für das Reparieren des Hello Kitty Laptops), während die normale Crew zu zweit eine Kabine teilt. Die Bedingungen sind allerdings von Reederei zu Reederei verschieden.

Welche Anforderungen muss ein Kandidat erfüllen?

Neben dem nötigen Fachwissen, insbesondere über Netzwerke, und Erfahrungen im Umgang mit mittelgrossen IT Infrastrukturen kommt es besonders auf die Soft Skills an. Da man oft auf sich allein gestellt ist, sollte man die richtige Anpacker-Mentalität (aber nicht die “Systemverbesserer”-Mentalität) mitbringen, unter Stress eher aufblühen als zusammenklappen, und zur Eigeninitiative neigen.

Da die Aufgaben auch schon mal über den klassischen IT Umfang hinausgehen, ist Teamfähigkeit das A&O. Auf dem Schiff geht vieles nur im Team. “Das gehört nicht zu meinen Aufgaben”, habe ich an Bord nur von einem Kollegen gehört, und der war auch nicht lange da. Noch viel weniger als an Land ist hier Platz für den Alpha-Nerd (wie er im Network Warrior von O’Reilly beschrieben ist). Probleme müssen immer offen und z.T. auch abteilungsübergreifend kommuniziert werden.

Service-Orientierung sollte zwar im IT Bereich grundsätzlich gross geschrieben werden, auf einem Kreuzfahrtschiff wird sie jedoch besonders intensiv eingefordert. Wer darauf klar kommt, wird eine fantastische Zeit haben. Gutes Teamplay wird an Bord immer belohnt, und als IT hat man Schnittstellen zu allen wichtigen Positionen an Bord, so dass man abteilungsübergreifend auch mal zum privaten Abendessen des Hotel Direktors eingeladen wird.

Bilanz

Ich persönlich kann’s absolut empfehlen. Ein abwechslungsreicher, manchmal stressiger, manchmal lustiger Job und viele neue Eindrücke erwarten Dich. Du wirst mehr Dinge sehen, als Du vermutlich in Deinem gesamten Leben vorher gesehen hast. Es ist auch kein Job, den man “für immer” machen kann – spätestens mit Familie oder mit fester Beziehung wird es schwierig.

Wie kommt man an diese Jobs?

In der Seefahrt ist historisch bedingt alles etwas anders. Crew wird selten über die Reederei direkt angestellt, sondern über spezialisierte Recruitingfirmen (die in diesem Fall nicht nur vermitteln, sondern auch Dein Arbeitgeber lt. Vertrag sind). Trotzdem hast Du i.d.R. Kontakt mit dem IT Team an Land, und reportest auch parallel an dieses.

Bei der Reederei Hapag-Lloyd Kreuzfahrten hat derzeit nur die MS Europa ein 2-köpfiges IT Team. Für MS Hanseatic und MS Bremen sind aber auch IT Stellen geplant. Diese Stellen vermittelt die Firma CSM Columbia Shipmanagement.

Für die Schiffe der TUI Cruises sucht die Firma seachefs geeignete Kandidaten.

Bewerber, deren English gut ist, können sich z.B. auch bei Silversea Cruises bewerben. Das läuft in Deutschland über connectjobs. Ansprechpartnerin ist Daniela Fahr.

Über den Autor

Der Autor hat mehrere Jahre an Bord des Hapag-Lloyd Flaggschiffes MS Europa als “IT & Communication Officer” die IT & Kommunikationsinfrastruktur betreut, und kennt zahlreiche Kollegen an Bord.

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