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Meine Odyssee

Tabuaeran - Südseeinsel einer amerikanischen Kreuzfahrtreederei

Tabuaeran - Die Südseeinsel einer amerikanischen Kreuzfahrtreederei, wo wir feststellten, dass man Bier nicht im Meer kühlen kann.

Der erste Schritt aufs Wasser

(Männer)
“Keine Frau ist so schön wie die Freiheit…”
(Frauen)
“und kein Mann ist so schön wie sein Geld!”
(hier lachen die Männer laut und falsch)

Es ist 2001. Mitte November in Hamburg – Null Grad und Nieselregen. Zur gleichen Zeit in der Karibik: deutlich besseres Wetter. Wir liegen vorn auf dem Siebener-Deck unter’m klaren Sternenhimmel, es ist 23 Uhr, die Lufttemperatur beträgt 25 Grad, und wir erzählen uns, wie wir auf die MS Europa gekommen sind. Die macht währenddessen gemütliche Fahrt, und ab und zu steht jemand auf und lässt sich den warmen Wind ins Gesicht wehen.

Es ist meine erste Woche auf der MS Europa. Alles ist neu, aber die Entscheidung war goldrichtig. Vor drei Wochen habe ich kurzfristig meinen Job bei der Hamburger Werbeagentur Scholz&Friends an den Nagel gehängt, um für ein halbes Jahr mal was ganz anderes zu machen.

Ganz anders heißt: Art Direktor auf der MS Europa. Was hinter diesem –etwas unpassend gewählten- Begriff steckt, erfahre ich bei Frau Wagener. Frau Wagener arbeitet für die Firma CSM Cruise Services in Hamburg. In einem kleinen Mietbüro am Kajen, mit Blick auf die Speicherstadt und einen Zipfel Elbe, koordiniert Frau Wagener die Einstellungen für ein Hamburger Traditionsunternehmen, dessen Hauptsitz am vornehmen Ballindamm residiert, der Alsterseite, die nach dem Erfinder der Kreuzfahrten benannt ist. Dort, in der Hausnummer 25, hat der große Zusammenschluss aus der Hamburger HAPAG und dem Bremer Lloyd seinen Sitz, die Hapag-Lloyd.

Hapag-Lloyd verdient sein Geld mit Containerschiffen, leistet sich aber 4 Kreuzfahrtschiffe, die der Tochter Hapag-Lloyd Kreuzfahrten (www.hlkf.de) unterstehen. Es sind das Flagschiff, wieder frisch und zum zweiten Mal mit dem höchsten Hotelstandard “FünfsternePLUS” ausgezeichnet, die MS Europa, ferner die Christoph Columbus, die Bremen und die Hanseatic.

Frau Wagener ist Profi, “Senior Human Resources Manager” bei CSM. Nachdem ich am Telefon Interesse an einem Job bekundet habe, von dessen Existenz ich erst drei Tage vorher erfahren habe, und Frau Wagener mich darauf hingewiesen hat, dass nur noch drei Wochen Zeit sind, treffen wir uns gleich am nächsten Tag in der Mittagspause. Es ist ein Dienstag. Frau Wagener empfängt mich freundlich und setzt mich mit erstmal mit einem Kaffee vor ein Schulungsvideo. Marke: Angstabbau und Antworten auf immer die gleichen Fragen. Wie ist es denn so, das Leben an Bord? Das Video gibt drei Antworten, in Gestalt von –nennen wir sie mal so- Hugo, dem neuen Commis, Bernd, dem neuen Jungkoch und Susi, der neuen Kabinendüse (dieses Wort lerne ich erst später). Nach den paar aufmunternden Begrüßungsworten eines Hapag-Funktionärs (war es Tony Böhmer? Ich erinnere mich nicht mehr) begleiten wir HugoBerndSusi exemplarisch bei ihrer Embarkation, ihrer Einschiffung. Sie betreten, von einem wackligen Bötchen herangebracht, das Schiff durch eine Art Ladeluke (die Lotsentür) und richten sich häuslich ein. Das Video gibt sich an dieser Stelle Mühe, Klaustrophobiker auszusieben, indem es relativ schonungslos (und, wie ich mir später dachte, negativ übertrieben) die Enge in den Crewkabinen illustriert. Dann verfolgen wir unsere Jungstars zu ihren Arbeitsplätzen. Ich beginne irgendwann vorzuspulen, als der Begriff “3-Bucket-System” durch den Raum schwebt. Köche und Kabinendüsen freuen sich wahrscheinlich jetzt einen Ast ab, denke ich, weil das hier alles so toll ist.

Korrekterweise habe ich Frau Wagener gefragt, ob ich vorspulen darf. Sie kommt dann auch fix rüber, und wir gehen in medias res. Wir hatten in der Woche vorher gerade an relativ hübschen Layouts gearbeitet. Hier treffen mich diverse Schläge. Während die Speisekarten saubere Typografie sind, lassen Tagesprogramm etc. die Nackenhaare zu Berge stehen. Mich wundert jetzt auch nicht mehr, dass man bereits bei meinem Diplom in Begeisterung ausbrach und gar keine Mappe sehen wollte.

Halb so wild, denke ich mir. Schließlich geht’s hier um was anderes. Ein Grafik- und Satzjob, mit dem du um die Welt fahren kannst. Wie sich später herausstellt, auch nicht der Kern meiner Arbeit. Der wird sein, alle Manuskripte rechtzeitig auf dem Tisch (bzw. im Email-Eingangsordner) zu haben, um drucken zu können.

Wir sind auch relativ schnell handelseinig. Nur bei einem Punkt meiner Job Description stutze ich: “Erstellung von Druckplatten”. Ich versuche, mir einen Plattenbelichter in dem vorzustellen, was Frau Wagener mir als Printshop geschildert hat. Ich frage nach. Frau Wagener vermittelt jedes Jahr hunderte von Köchen, Kabinendüsen und Commis. Da gibt’s wohl keine Frage, die sie noch nicht gehört hat. Was Druckplatten sind, gibt sie offen zu, davon hat sie keine Ahnung. Aber sie verspricht, sich drum zu kümmern.

Etwas “pressieren” tut’s jetzt schon: noch drei Wochen bis zu meinem Start in New Orleans. Ich lerne, dass ich ein C1/D Visum für die USA brauche. Das wird mich 100$ kosten, inklusive Eilzuschlag. Mir fällt auf, dass dazu einen Reisepass brauche. Meiner liegt irgendwo im Umzugsgut verschüttet. Und nicht zuletzt muss ich mich noch von der deutschen Werbung verabschieden. Ich beeile mich.

Der erste Weg führt mich zu Marc Schwieger, meinem Chef. Seine Reaktion hätte ich ahnen können. Schließlich ist er mit dem Mare-Chefredakteur befreundet. Aber sie war doch überraschend heftig: Marc findet die Idee absolut klasse und sagt auch gleich, dass er –Kündigungsfristen hin oder her- auf keinen Fall irgendwelche Steine in den Weg legen will. Damit ist schon mal das Hauptproblem geklärt. Wir einigen uns auf einen letzten Tag, Resturlaub vs. wichtige noch zu erledigende Jobs, und ich bin frei.

Bis zu meiner Embarkation in New Orleans gibt’s aber noch einiges zu tun. Glücklicherweise residiert meine Agentur im Hafen, und nicht nur Frau Wageners Büro, auch das Gebäude der Seekrankenkasse ist ganz in der Nähe. Dort sitzt auch der “Seeärztliche Dienst”, wo ich noch eine sogenannte “Seetauglichkeitsuntersuchung” über mich ergehen lassen muss. Mein “Seaman’s Book” wird parallel beantragt, und ich fahre einen Tag nach Bonn, um einen vorläufigen Reisepass ausstellen zu lassen. Der muss nach meinem Ausstieg noch 6 Monate gültig sein. Die Godesberger Behörden sind sehr freundlich und effektiv, und abends kann ich schon wieder nach Hamburg zurückfahren. Der Pass geht an Frau Wagener, die sich um das Visum kümmert. Ein bisschen unruhig bin ich schon: Wird alles klappen?

Am Morgen des 15. November 2001 steige ich in Hamburg in ein Taxi. Es ist exakt null Grad kalt. Mit mir fahren ein relativ kleiner Koffer (im letzten Moment habe ich daran gedacht, dass ich in den nächsten 6 Monaten eigentlich nur eine Badehose brauche), meine Kameratasche und mein Laptop. Man weiß ja nicht… Und das schmerzhafte Gefühl, frisch verliebt zu sein, aber gehen zu müssen.

Auf dem Hamburger Flughafen soll ein Ticket für mich hinterlegt sein. Es ist halb sechs. Der Ticketschalter ist noch geschlossen. Er öffnet um halb sieben. Ich sitze rum. Ich bekomme mein Ticket, checke das Gepäck durch bis New Orleans (weiß aber gottseidank von meinem Vater, dass man in den USA sein Gepäck IMMER am ersten Flughafen persönlich durch den Zoll bringen muss) und steige in die halb acht Maschine nach Paris. Von dort aus werde ich nach Atlanta fliegen und weiter nach New Orleans.

Der Tag ist voller Pannen. Die erste in Paris: Unsere Delta Maschine ist defekt und muss ausgetauscht werden. Wir warten 4 Stunden. Dann ist es endlich soweit. Hurra, wir fliegen. Ich versuche, ein wenig zu schlafen. Etwas schwierig, wenn man voller Softdrinks ist. Mein Nebenmann ordert –etwas geschickter- schweren Rotwein. Nach sieben Stunden endlich Atlanta. Wir landen in einem Chaos: Vor einigen Stunden hat hier jemand die Sicherheitssperre passiert, ohne kontrolliert worden zu sein. Es ist gerade 2 Monate nach nine-eleven, und die Amis reagieren nervös: Sie sperren das große Luftverkehrskreuz, den Delta-Heimathafen komplett für 6 Stunden. Keine Maschine darf starten. Hunderte haben sich inzwischen angesammelt, endlose Schlangen an den Gates. Wir sitzen angeschnallt und warten drei Stunden, um dann in ein viel größeres Chaos entlassen zu werden. Die folgenden Stunden verbringe ich mit Schlange stehen. Erst muss das Gepäck durch die Kontrollen. Dann sind natürlich alle Anschlussflüge weg. Nicht nur mir geht das so. Drei Maschinen sollen heute noch nach New Orleans gehen, lerne ich. Das Flughafenpersonal ist unfreundlich, viele Fluggäste am Rand eines Nervenzusammenbruchs. Ob man mit einer Maschine noch mitkommt, kann einem keiner sagen. Das Anzeigensystem fällt zeitweilig aus, und die Gates werden kurzfristig von Hand geändert. Ich habe Durst. Es gibt viele tolle Schnellrestaurants. Die wollen allerdings Dollar, nicht meine Dee-Mark. Ich suche einen Geldautomaten. Nach 2 erfolglosen Versuchen, mich an meine VISA-Geheimzahl zu erinnern, und der Erkenntnis, dass der Name “EURO”-Scheckkarte scheinbar auch eine geografische Komponente hat, verdurste ich weiter vor mich hin. Zwischendurch wechseln wir wieder das Gate. Ich habe, ausgehend von der Überlegung, dass es von Atlanta nur eine Flugstunde nach New Orleans ist, kurz mit dem Gedanken gespielt, einen Mietwagen zu nehmen, und folge einem AVIS-Schild. Ich finde Tumult und Handgreiflichkeiten vor einem riesigen Schalter mit bestimmt 25 Angestellten und locker 400 Wartenden. Keine Alternative. Ich beschließe, einfach zu warten. Ich habe mich angestellt und einem Angestellten des Flughafens gesagt, dass ich nach New Orleans möchte. Insistieren und wichtig tuen schon genug Leute. Ein selbst ernannter Frequent Flyer steigert sich in seine Wut und brüllt herum. Andere stehen fassungslos daneben. Hochpeinlich. Seine Frau versucht, ihn zu beruhigen und bringt ihn weg. Das Verfahren ist immer das gleiche:
Es werden neben den regulär gebuchten Passagieren weitere Gäste einzeln aufgerufen. Es dauert scheinbar endlos, und mein Name ist nicht zu hören. Eine Maschine muss ich fliegen lassen. Bei der zweiten ist es soweit: mein Name, ich darf einsteigen. Einer der letzten. Ich zwänge mich in einen Sitz und reiße eine weitere Stunde ab. In New Orleans soll mich jemand abholen. Der ist bestimmt schon längst zu hause. Ich bin 14 Stunden zu spät. Aber denkste! Ein kleiner, älterer Mann hält, gut sichtbar, ein Schild “MV Europa” hoch. Was bin ich glücklich! 20 weitere Minuten später ist der Koffer da. Das –für sich genommen- ist ein Wunder. Schließlich bin ich in eine Maschine noch eben so reingeschlüpft, für die ich nie gebucht war.

Nach dem ganzen “on the road” bin ich müde und geschafft. In New Orleans ist es Ortszeit 23.00 Uhr, als wir mit dem Transporter des Shipshandlers durch ein Industriegebiet kurven. Die Luft ist schwül-warm, und ich habe blöderweise eine dicke Seemannsjacke, die ich auf dem Arm tragen muss. Und dann steht sie vor uns, orange angestrahlt von der Pierbeleuchtung. Ich habe sie vorher noch nie gesehen. Sie sieht schicker aus als erwartet. Die MS Europa. Wie ein weißes Hochhaus. Der Shipshandler stoppt nah an der Gangway. Ich erwarte eine Art Wachmann. Aber dort steht eine Dame, die ich mir als Sicherheitsoffizier nur schwer vorstellen kann. Sie ist Leiterin des Beauty&Spa Centers an Bord, wie ich später erfahre. Im Hintergrund sehe ich, dass eine Gruppe junger Leute in einen Reisebus steigt. Nach allem, was ich über die Gäste dieses Dampfers weiß, muss das die Crew sein. Sehnsüchtig blicke ich hinterher. Wie geil, jetzt ins Nachtleben! Aber seien wir realistisch. Ich betrete das “Atrium” der Europa. Ich blicke mich um und komme mir vor wie an der Rezeption eines mittelständischen Hotels im Schwarzwald. Alles helle Eiche, mit eingelassenen Weltuhren. Hinter dem Schwarzwaldtresen steht Diana. Sie begrüßt mich freundlich. Und sie ruft Paul, den Night Steward, der mich auf meine Kabine bringt. Der lässt es sich nicht nehmen, mir noch eine kleine Führung durch den Crewbereich zu geben. Paul schleppt mich in die Crew Mess, wo um diese Zeit immer die Reste aus dem Restaurant rumstehen. Normalerweise säßen hier ein paar von der Crew, die noch Hunger haben. Jetzt ist hier kein Mensch, die sind alle draußen. Und mit ein paar Delikatessen im Bauch falle ich in meiner Kabine ins Bett.26 Stunden war ich nonstop auf den Beinen, und auch in der Nacht davor hatte ich nur zwei Stunden geschlafen.
Das Abenteuer kann beginnen!

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