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Sascha Hehn oder: Herr Offizier auf einem Kreuzfahrtschiff

MS Europa in der Werft, 2004

MS Europa in der Werft, 2004

Vorurteile

Sicherlich denkt Ihr bei “Offizier auf einem Kreuzfahrtschiff” zuerst an das Traumschiff, und wie Herr High Class Proll Sascha Hehn an Deck umherschleicht, verbrauchte 40 bis 50 Ladys beglückt oder deren Töchter verführt.

Das Traumschiffklischee erweist sich als unzulänglich und unbrauchbar, was den Alltag eines Offiziers angeht. Zuallererst muss man wissen, dass Kreuzfahrtschiff nicht gleich Kreuzfahrtschiff ist. Die überwiegende Anzahl der Kreuzer bewegt sich im Mittelmeer und in der Karibik, abhängig von den Sommermonaten (der jeweiligen Halbkugel). Einige machen sogar Abstecher in den Norden bis hoch nach Spitzbergen oder besuchen auf dem Weg in die Karibik alles, was in die Quere kommt, wie z.B. die Kanaren oder Kapverden.

Die Hapag Schiffe schwimmen da schon in einer anderen Liga, zwar nicht ganz alleine, aber doch fast unübertroffen.

Dank der sogenannten Eisklasse sind die eleganten unternehmungslustigen Ladies “MS Hanseatic” und “MS Bremen” (schon etwas faltig) in der Lage, auch mit Eisbergen und Eisschollen zu flirten. Die Antarktis, Arktis und Nordwestpassage sind alte Bekannte der eiskalten Damen. Getreu dem Expeditionskonzept werden die entlegendsten Winkel erkundet. Dabei scheuen die Frauenzimmer weder Süßwasser noch eine Handbreit Wasser unter der formschönen Figur. Es wird vom Amazonas, Orinoco, Yiangtse-Fluss bis hin zu kaum zugänglichen verlassenen Inseln alles Machbare angeschraubt. Und wem das noch nicht nah genug ist, der darf in einem der bordeigenen zahlreichen Zodiacs (abgefahrene Superschlauchboote) nass werden und anlanden wie einst Kolumbus … natürlich ohne Yanmar Außenborder. Sogar die edle MS Europa verfügt über eine Zodiac- Schar, wenn auch etwas versteckt am Schornstein, so dass kein Neid im Hafen aufkommt.

Wie man sich schon vorstellen kann, ist das alte Klischee vom Gentleman in weiß, der die Speisekarte auswendig kann und ins Schwitzen kommt, wenn er Shufflebord spielt, zumindest auf den Hapag-Schiffen etwas überholt. Auch fachlich gesehen muss ein Offizier in dieser Klasse mehr drauf haben als nur Regenwolken auszuweichen.

Was wird gefordert von einem 2. Offz.

Die extremen Fahrtgebiete erfordern das Abrufen und Anwenden jeglichen erlernten Wissens. Dabei ist es unabdingbar, dass man perfekt Englisch spricht, da man ständig Problemchen vor Ort lösen muss und jegliche Literatur nun mal selten in der Weltsprache deutsch verfasst ist. Das nautische Hochschulenglisch reicht bestenfalls für die Standardsituationen an Bord.

An Bord wird sehr viel am Computer gearbeitet. Man verbringt einige Stunden am Tag im internen Netz. Dabei jagt man nicht nur die aktuellen Gerüchte und die Bilder vom letzten Zodiacrennen per email an die internen Abteilungen. Man arbeitet mit zahlreichen Programmen oder macht sich schon mal selbst eines, erstellt oder verändert Fahrpläne und dokumentiert bis der Arzt kommt. Es werden demnach beste Kenntnisse in Excel, Word usw. verlangt. Die Hochschule bereitet einen so gut wie gar nicht darauf vor.

Als Navigationsoffizier ist es oft zum Haareausraufen. Obwohl die Schiffe zum Teil über elektronische Kartensysteme verfügen und Admiralty Publications theoretisch alle Seegebiete mit Seekarten abdecken soll, bestellt man fortlaufend die exotischsten Seekarten von noch exotischeren Agenten. Voraussetzung dafür ist, dass man die Insel erst einmal überhaupt im Atlas findet! Hat man dann endlich die Karte vor der Nase, stellt man fest, dass sie oft unbrauchbar ist, weil zu alt oder ungenau.

Beispielsweise schippert man auf dem Amazonas nach Karte und GPS mehr im Dschungel umher als auf dem Fluss selbst. In Malaysien wird man von komplett neuen Ansteuerungskanälen angenehm überrascht, die in einer Karte erst auftauchen wenn diese schon wieder verschwunden sind. Und die Chinesischen Lotsen wundern sich, wo man eigentlich die angeblich streng geheimen, und doch unbrauchbaren, chinesischen Marineseekarten aufgetrieben hat.

Man plant eine sichere Reiseroute zwischen Australien und dem bekannten Barrier Reef und freut sich endlich mal dem Fahrplan weit voraus zu sein, da kommt der Howdy Lotse an Bord, schraubt sein GPS an die Reeling, klappt sein Notebook auf und verkündet, dass er es vorzöge, sich eine Handbreit von der Küste entlang zu hangeln. Ganz zu schweigen davon, dass die Australier am liebsten minütlich einen DIN A4 Seitenlangen Report möchten, wo man gerade ist, war und hinmöchte.

Wenn die Karte versagt, ist vorsichtige Radar- und Echolot-Navigation angesagt. Um Informationen für die Ansteuerung zusammenzustellen, wühlt man sich zunächst durch die zum Teil fast schon antiken vergilbten Hafenreports der ersten MS Europa, bis hin zu hochaktuellen Word und Excel Kreationen der werten Kollegen von vorhergehenden Reisen. Manchmal stellt man fest es gibt noch keinen Report … es ist Neuland. Nach dem man festgestellt hat, wie alt bzw. brauchbar die Dokumentation über die Ansteuerung war, fertigt man à la Microsoft Vielfalt einen neuen Report an.

Radarbilder, Zodiac Anlandungsstellen werden abfotografiert, sämtliche nautischen Daten werden festgehalten bis hin zum Namen des Eingeborenenhäuptlings, der freundlicherweise an Bord kam um uns zu zeigen, wo man am besten ankert.

Bei der Ansteuerung einer der unzähligen Robinson Crusoe Inseln wird es auf der Brücke spannend. Kapt. und 1. Offz. tasten sich vorsichtig an die meistens dokumentierte Ankerposition heran. Dabei ist man selbst oft der Herantaster bis der Kapt. die Wache offiziell übernimmt. Da man nicht sicher sein kann, ob er wirklich übernimmt, ist höchste Konzentration angesagt. Liegt man einmal vor Anker, werden die Tender und Zodiacs zu Wasser gelassen.

Nun verwandeln sich Zimmermädchen, Köche, Ärzte usw. in Freizeitkapitäne. Die Tenderboote sind zum Glück den Matrosen vorbehalten, da diese ein gehöriges Manövriergeschick, gerade bei Wind und engen Einfahrten, erfordern. Natürlich ist man als Offz. verpflichtet, sich mit dem Tenderfahren vertraut zu machen, da diese oft benutzt werden und auch Rettungsmittel sind. Abgesehen davon macht Zodiac- und Tenderfahren einen Riesenspaß.

Ich denke das zeigt Euch, dass es in der Kreuzschifffahrtbranche und gerade bei Hapag Lloyd unzählige nautische Herausforderungen gibt, die in der modernen Frachtschifffahrt eher rückläufig sind. Man lernt schon einiges an Seemannschaft hinzu. Das Klischee vom gemütlichen Umhercruisen ist somit hinfällig.

Wie wars beim ersten Mal ?

Als ich das erste Mal auf einem Kreuzfahrtschiff als 2. Offz., angeheuert habe, konnte ich mir das nur traumschiffmäßig vorstellen was mich erwartet. Zudem begann ich auf der edlen MS Europa, dem einzigen Schiff mit 5 Sternen +, zum weltbesten Kreuzer im Berlitz Cruise Guide ernannt.

All das, muss ich gestehen, habe ich erst eine Woche vor meinem Einsatz per Internet herausgefunden. Als ich meine Sachen packte, wusste ich echt nicht was ich mitnehmen sollte. Das wohl überflüssigste Gepäckstück, wie sich bald herausstellte, war mein einziger und bester Anzug.

In Trinidad nahm mich der 2. Offz. Daniel Beissel, den ich ablösen sollte in Empfang. Die Freude war groß, weil es ein Studiengenosse aus Bremen war.

Nach dem alle Formalitäten mit der Crew Purserin erledigt waren, konnte ich auch schon auf meine Kammer ziehen. Daniel war schon in eine leere Suite umgezogen, die er bis zum Ende unserer Übergabe bewohnen durfte.

Der einfache Begriff “Kammer” trifft – wenn überhaupt- nur auf die Größe zu. Das Layout der Offizierskabine erinnert eher an ein Luxuswohnmobil, nur mit Bullauge und ohne Küche, obschon das Mobiliar um einiges massiver ist. Es war ein Computer mit schickem Flachbildschirm vorhanden … natürlich ans Intranet angeschlossen (Email on board!). Ein Fernseher mit Zugang zur umfangreichen Schiffs DVD- und CD-Bibliothek machte aus der Kammer wohl eher eine der besten Dolby-surround-Schiffsunterkünfte für Offz. die ich kannte … wenn man von dem begrenzten Platz mal absieht. Dass die MS Europa nicht durchweg diese Kammern anbietet, habt Ihr vielleicht schon anderweitig auf Gregors Seiten erfahren …

Nach dem ich von der Schneiderin eine vorübergehend mehr schlecht als recht passende Uniform bekommen hatte, irrte ich durch die Gänge Richtung Brücke. Die vorübergehende Uniform blieb mir übrigens bis zum Ende meines Aufenthalts erhalten, nachdem ich zweimal die falsche Größe vom Modeinstitut Berlin nach Südamerika geschickt bekommen habe. Leider wird einem auch nicht mitgeteilt, dass man weiße Schuhe selbst mitbringen muss, außer man gibt sich mit dem todschicken Ecco Model in Frauenausführung zufrieden. Damit reduziert man zuminderst optisch die eigene Schugröße um satte zwei Größen!

Die Brücke hatte ich, dank Aufzug, schnell gefunden. Dort wurde mir mitgeteilt, dass die Passagieraufzüge nicht umsonst so heißen. Nach ungewöhnlich langer Zeit traf ich dann auch auf den Kapt.. Ich stellte mich höflich vor, er war so nett und sagte sogleich, dass mein Ohrring raus muss! An diesem Tag habe ich zuvor bestimmt ca. 60 Crew Mitglieder kennen gelernt … es wurden sicherlich Wetten abgeschlossen, ob ich es mit dem Ohrring wohl bis zum Kapt. schaffen würde. Ich denke, das zeigt Euch, dass ein konventionelles gepflegtes Äußeres angesagt ist.

Eines ist sicher, als Offz. kann man davon ausgehen, dass jedes Crewmitglied (speziell die weiblichen) bereits bestens über Aussehen, Alter wenn nicht sogar Augenfarbe Bescheid weiss, bevor man überhaupt an Bord kommt. Schlimmer ist es, wenn man schon mal da war, dann werden “jegliche” Informationen über den Neuankömmling allseits auf den neuersten Stand gebracht. Neben dem Intranet gibt es wie ihr Euch nun vorstellen könnt ein sehr gut funktionierendes Buschtrommelnetz mit Lauffeuereigenschaften.

Wachdienst

Das einzige was meinen Vorstellungen entsprach, war der eigentliche Wachdienst auf der Brücke. Ein Kreuzfahrtschiff unterscheidet sich als Schiff auf See in dem Sinn nur wenig von anderen Schiffen. Natürlich weicht man auf einem Frachter keinen Regenwölkchen aus.

Auf einem Fleischfrachter (Pseudonym für Kreuzfahrtschiff) würde das dem Sonnentag am Pool ein Ende bereiten. Es müssten laut “Hotman” (umgangssprachlich für Hotelmanager, den Hotel Direktor) nach Regenfall unzählige Handtücher ausgetauscht werden … dafür kann man schon ein paar Tonnen Sprit mehr verheizen … sagt man.

Jede Kursänderung wird sachte ausgeführt, damit kostbares Porzellan, gefüllte Kochtöpfe und natürlich die Passagiere (bisweilen betagt) bloß nicht dem Trägheitssatz folgen.

Gewöhnungsbedürftig ist das allgemeine Treiben auf der Brücke. Die Brücke ist ein beliebtes Kaffeestübchen für alle, die Zugang haben. Abhängig von der Tageszeit sind das eigentlich alle. Manchmal hat man auch den Eindruck, man arbeitet in einem Großraumbüro. Kollegen sitzen am Computer, Kapt. und Cruise Direktor diskutieren den Abendverlauf, Crewpurser wirft Papierknöllchen in den Basketball Papierkorb (eine Neuerung die ich eingeführt habe … hielt aber nicht sehr lange unter Kapt. Bech).

Abhängig vom Kapt. haben auch die Passagiere rund um die Uhr Zutritt (offene Brücke). Das Angebot wird auch eifrig wahrgenommen. Selbst in tiefer Nacht, wenn ich den Schlips beiseite gehängt hatte, eine gemütliche Tasse Tee in der Hand, das Radarbild im wachsamen Auge, mit dem Wachmatrosen die neuesten Gerüchte am abwägen, taucht aus dem dunklen Nichts ein rüstiger Siebzigjähriger auf und erwartet sogleich die kleine Brückenführung mit der Standardbemerkung, warum es hier so dunkel sei. Freigiebig berichtet dieser parallel zur Führung von den Systemen die er auf seinem “Schiff” installiert hat, mit der Feststellung, dass seine Systeme viel moderner seien … nur halt nicht amtlich abgenommen, das dauert in der Regel 5-10 Jahre he he, das weiss er wiederum nicht. Tagsüber artet solch ein Besucherandrang schon mal in eine kleine Stadtrundfahrt aus. Zum Glück übernimmt dann ein Kollege oder gar der Kapt. die Führung, im wahrsten Sinne des Wortes.

Eines sollte Euch bei meinen Ausführungen klar sein, so locker das auch klingen mag, alles hat seine Grenzen. Die sichere Führung des Schiffes geht natürlich vor und wird auch umgehend vom Wachoffz. oder Kapt. hergestellt. Dementsprechend verwandelt sich die Brücke in ein streng abgeschirmtes Kommandozentrum, wenn wir uns nicht auf hoher See befinden, bzw. während einer Ansteuerung.

Eine weitere Tätigkeit, die meine Großraumbüro-Theorie bestätigt, ist das Telefonieren. Auf der Brücke gibt es bestimmt so um die 20 Telefonhörer. Einige davon sind Notsysteme und Funk, bzw. Satellitenfunkgeräte. Es klingelt und brummt nahezu rund um die Uhr. Speziell wenn das Schiff vor Anker liegt wird man zu einer Art Tower im Flughafen. Die Shore party (Landgangsteam) erreicht mit den Handfunkgeräten nicht den Congierge, also spielt man Relaisstation. Wenn die Zodiacflotte unterwegs ist, kommt man sich vor wie im taktischen Zentrum eines Flugzeugträgers … nur halt allein. Jedes der Bötchen mit Frisöse usw. als Kapt. muss behutsam beäugt werden, man muss die Jungs auch schon mal darauf hinweisen, dass der Sprit auf einem Zodiac begrenzt ist …

Obgleich es eine gut besetzte Rezeption gibt, scheint die Brücke erste Wahl zu sein, wenn es um jegliche Informationen geht. Das geht soweit, dass ein Passagier durchgestellt wird, der lauthals prahlt, dass seine mitgebrachte Seekarte um einiges genauer ist, als das per TV verbreitete Abbild unserer Elektronischen Seekarte. Da verweise ich Euch nur schmunzelnd auf den Absatz weiter oben indem es um die Bestellung der Karten geht.

Die Frage nach dem Wetter ist wohl einer der häufigsten. Zugestanden, mit Hilfe von Radar kann man kotzende Regenwolken gut erkennen, aber bitteschön im Hafen ist das Radar bekanntlich aus und trotzdem wird man für den Regengott gehalten und gehörig gerügt wenn der Embarkation day (der Tag des Passagierwechsels) ins Wasser fällt.

Eine weitere Geräuschkulisse ist die breite melodische Vielfalt der Brückenalarme. Nichts ungewöhnliches auf einem Schiff. Hinzu kommen aber jeder Suite-, Kammer-, Aufzug-, Sauna-, Securityalarm usw. . Es gab schon Situationen als wir uns beraten mussten woher der Alarm nun eigentlich kommt, ganz zu schweigen davon wofür er ist … war aber dann auch nicht soooo wichtig. Alles in allem ein spannender und fordernder Arbeitsplatz.
Nun zu den Nebentätigkeiten eines 2. Offz.

Einer meiner Verantwortungsbereiche war beispielsweise das Erstellen der Souvenir-Seekarte. Dabei wird eine echte Seekarte mit dem abgesegelten Kurs der letzten Reise versehen, darum fällt dies in meinen Bereich. Diese Karte wird am Ende der Reise für bis zu 30.000 Euro versteigert.

Die eigentliche Arbeit besteht aber darin die Seekarte möglichst aufwendig mit netten Zeichnungen zu schmücken. Jeder darf dabei mitmachen … selten hat aber jemand Lust dazu. Gerade wenn man die Crew Kollegen noch nicht kennt oder wenn die Zeit knapp wird, ist der Offz. der Künstler erster Wahl. Ich habe ja nicht umsonst einen technischen Beruf gewählt, und siehe da nun musste ich künstlerisch anspruchsvoll das Abbild der MS Europa, Elefanten und Löwen, antike Gebäude frei nach dem Motto “Wenn einer eine Reise tut, dann hat er was zu malen” auf die Karte zaubern. Dabei sollen wie gesagt einige tausend Euro rausspringen (für einen guten Zweck) und man hat nur einen Versuch, weil die Zeit begrenzt ist und es nur eine Karte gibt.

Puh, das war nicht leicht. In der Seefahrtschule haben wir zwar sehr viel mit Karten gearbeitet, aber dieselbe als Leinwand für künstlerisches brain storming mit Stil zu benutzen stand nicht auf dem Zettel. Das war übrigens nur der Gipfel der künstlerischen Schiene. Nicht selten ist man der Auserwählte, der die Karte dann auch vor einem hochprominenten, 500 köpfigen Publikum versteigern muss … soll. Ob da nun ein Frosch im Hals parkt oder nicht, wird dabei erst gar nicht groß diskutiert.

Äquatortaufe, Fasching usw. sind auch beliebte Nebentätigkeiten. Nicht unüblich auf Schiffen ist die Äquatortaufe, aber auf einem Musikschiff (weiteres Pseudonym für Kreuzfahrtschiff) nimmt das schon Ausmaße an, die eher an die Vorbereitungen von “My Fair Lady” am Broadway erinnern.

Singen steht auch hoch im Kurs. Je höher man als Offz. steigt, desto wahrscheinlicher ist es, dass man ein Solo hinlegen muss. Der Sicherheitsoffz. ist nicht umsonst verantwortlich für den Crew Chor. Ich habe schon Sicherheitsoffz. gesehen, die sich dabei fühlten, als würde man Boris Becker zum Leiter der Fischerchöre ernennen. Selbst habe ich auf der MS Hanseatic den Chor einmal als Vertretung für “Boris Becker” unter meinen Fittichen gehabt und ich muss sagen, es macht einen irre Spass und liegt mir auch mehr als malen.

Zusammengefasst kann ich Euch nur nahe legen, das neben den klassichen Offz. Tätigkeiten auf einem Kreuzfahrtschiff ein gehöriges Talent oder “Mut zur Lücke” im Bereich Entertainment verlangt wird. Dies wird einem bei der Einstellung keineswegs bewusst und ist auch kein Muss … aber irgendwie wird es doch sehr stark erwartet. Zum Glück weiss (noch) jeder, dass man eigentlich Offz. auf der Brücke ist, somit wird ein künstlerischer Misstritt schnell zur herzlichen und willkommenen Lachnummer.

Beziehung zwischen Offz. uns Mannschaft

Ein weiteres Thema, das Euch bestimmt brennend interessiert, ist die Beziehung zwischen Offz. und Mannschaft.

Als 2. Offz. hat man mit der Crew offiziell nicht viel zu tun. Auf der Brückenwache ist einem der Wachmatrose und Rundengänger unterstellt. Beim Festmachen leitet man eine der Stationen mit 4 Matrosen. Im Grunde wissen die langjährigen, gut ausgebildeten Matrosen selbst was zu tun ist (oft besser als man selbst), und man greift bei Standardsituationen nur selten ein. Fast täglich werden Sicherheitsübungen abgehalten. Als Offz. leitet man diese Übungen und hat je nach Art der Übung und Schiff 5 – 20, manchmal alle Crewmitglieder um sich versammelt. Dabei gilt es eher, das Interesse der Crew für die als allg. lästig empfundene Übung zu wecken, als den allwissenden, autoritären Offz. raushängen zu lassen. Oft wird das von der Crew auch mit Respekt honoriert.

Eines sollte Euch klar sein. Durchweg besteht die Crew aus perfekt geschultem, meist sogar überqualifiziertem Personal, das zum Teil schon viele Jahre im Geschäft ist. Jeder weiß, was er zu tun hat. Die philippinische Deckmannschaft untersteht im Grunde dem ebenso philippinischem Bootsmann. Der regelt Unstimmigkeiten, bzw. wendet sich an den 1. Offz.

Die Crew des Hotelbereichs ist – abgesehen von sicherheitsrelevanten Themen oder völliger Geisteskrankheit – autark gegenüber den Offz.. Weisungsbefugt ist in der Regel nur der Vorgesetzte des Hotelbereichs, und das wissen die Brüder auch. Wenn man also mal ne Eiswaffel auf die Brücke geliefert bekommt, dann sicher nicht, weil man der Herr Offz. ist …
Freizeit

Da man als 2. Offz. auch die vielfältige Freizeit mit der Crew verbringt, ist es oft eine Gratwanderung zwischen “locker drauf sein” und einen verantwortlichern Offizier nicht nur darzustellen.

Gregors Seiten vermitteln ja unverblümt, dass das Bordleben sehr lustig bis feucht-fröhlich sein kann. Mein persönlicher Eindruck ist, dass sich das im Offz. Bereich nach oben hin in Grenzen hält … abhängig von der Person.

Unumstritten bedingt durch den Offz. Status und der Uniform genießt man schon eine Art von Respekt à la Traumschiff, und es gibt auch hin und wieder Menschen, die diesem Sascha Hehn Mythos einfach ausgeliefert zu sein scheinen. Wie auch in anderen Berufen hängt dieser Respekt jedoch vielmehr von der eigenen Person und deren Leistung ab, als von den goldenen Steifen unter einem Stern. Es gibt demnach einige Offz. die hinterrücks beschmunzelt, und welche, die für voll genommen werden (oft ist es demjenigen leider gar nicht bewusst, mich eingeschlossen!). Gerade in der Freizeit zeigt sich aber deutlich, wie man zur Crew wirklich steht. Wenn man in die Crewbar kommt und jeder beginnt plötzlich “zivilisiert” zu feiern … das zeigt schon deutlich wo man steht. Andererseits gibt es sogar einige Kapt. die eine Bereicherung für jede Art von Crewparty darstellen und sich auch dort blicken lassen, auch wenn diese gemäß der einzuhaltenden Gratwanderung nie lange bleiben … sich dafür um so mehr an so manche abgefahrene Fete aus Offz. Zeiten erinnern.

In jeder Führungspositionen an Land ist das sicherlich ebenso zwiegespalten, jedoch bedingt durch Uniformen, “Repräsentieren müssen” und dem “wir sitzen alle im selben Boot”-Faktor muss man manchmal schon schwer abwägen was man sich als Offz. erlauben kann und was nicht. Wie man so oft in der Seefahrt sagt: “Es kommt halt darauf an!”

Nun, ich hoffe, ich konnte Euch die Offz. Tätigkeit mit Insider Einblick etwas näher bringen. Ich hoffe ebenso, dass meine Ausführungen nicht auf die Goldwaage gelegt werden. Es sind halt meine persönlichen Eindrücke bislang, etwas nett ironisch verpackt.

Es gibt mit Sicherheit viele trockene Quellen die nicht so hautnah berichten, letztendlich ist man danach aber “… so schlau als wie zu vor …” ;)

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