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Teil 2: Leinen los!
Dafür zuständig ist die Rezeption, verstärkt durch den Concierge und die Hostess. Während junge Rezeptionisten über der Bedienung der Fidelio-Cruise-Computeranlage ins Schwitzen kommen, socialisen die höheren Chargen. Es ist ein großes Wiedersehen alter Bekannter. “Ach, Herr Soundso, das ist aber lange her” und “Nein, Frau XYZ, schön, dass sie wieder hier sind”. Viele der 250 Gäste sind Stammgäste, deren treueste es auf stolze 1000 oder sogar 1500 Tage an Bord bringen, was in Geld ausgedrückt mehreren Millionen DM entspricht.
Auch wenn es beim ein oder anderen, bei dem es lang her ist, mit der Gebrechlichkeit schlimmer geworden ist, sie kommen alle wieder. Schicksalsschläge lassen sich in den Anwesenheitslücken erahnen, Krankenhausaufenthalte oder der Verlust eines lieben Menschen. “Ich komme immer wieder, weil ich mit meinem Mann so glücklich auf der Europa bin,” sagt eine Dame. Ihr Mann ist im letzen Jahr verstorben. Die Erinnerung lebt hier weiter.
Am Ende der Embarkation, wenn alle weiß behandschuhten jungen Helfer die Gäste auf ihre Suiten gebracht und die dafür üblichen Trinkgelder entgegen genommen haben, möchten die Gäste vor allem dreierlei: sich von der Anreise ausruhen, das Schiff kennenlernen -und vom Maitre D‘, dem Restaurantleiter, einen Tisch am Fenster des Europa Restaurants zugewiesen bekommen. Das Restaurant besitzt verhältnismäßig viele Fenster, aber da wirklich alle Gäste Fenstertische wollen, übt sich der Maitre im Kompromisse verkaufen. Wer an ein Fenster darf, darüber hat auch Hapag-Lloyd gewisse Vorstellungen, auch wenn sie nicht an einzelne Personen gebunden sind. Der erstmalig Reisende hat bei diesem Spiel schlechte Karten, solange er nicht in einer der sündhaft teuren Suiten des Zehnerdecks wohnt.
Eine pro Tag mehrere tausend Euro teure Einbuchung dort bringt weitere Annehmlichkeiten und gesellschaftliche Hervorhebungen mit sich. Unter die Punkte “annehmlich” verbuchen lassen sich vor allem der Butlerservice, der von morgens bis abends Wünsche erfüllt. Es beginnt beim “Suitenfrühstück” über Vorausblick auf die Speisekarten bis zum Einräumen der Schränke. Der Gast auf dem Zehnerdeck muss noch weniger selbst machen als die übrigen Gäste, obwohl die schon allen erdenklichen Komfort genießen.”Gesellschaftliche Hervorhebungen” bedeutet in erster Linie, dass man an einem Abend der Reise am Kapitänstisch Platz nehmen darf. Eine personalisierte Speisekarte kündet von diesem Ereignis und kann als Souvenir mit nach Hause genommen werden.
Am Abend des ersten Tages ist es traditionell ruhig. In den Bars versammeln sich kleine Grüppchen, um schon mal bei einer Zigarre oder einem Cognac erste Kontakte zu knüpfen. Auf der Europa geschieht dies zum Beispiel in der kleinen, feinen Havana Bar. Der Bartender dort gebietet über einen Humidor, in dem alle klassischen Delikatessen aus Kuba und den anderen üblichen Provenienzen fachgerecht und bei korrekter Luftfeuchtigkeit lagern. Wo die Auswahl der Rauchwaren exquisit ist, werden auch an die Getränke besondere Anforderungen gestellt – die teuersten Spirituosen kosten über 30 Euro das Glas. Da mag schon manch einem die schummrige Atmosphäre bei der Unterzeichnung der Rechnung über einen spontanen Herzinfarkt hinweggeholfen haben.
Traditionell ist das Ablegen am ersten Abend. In der Regel um 18.00, manchmal um 21.00 Uhr heißt es “Leinen los”. Eine der Bordkapellen spielt dazu die einschlägigen Lieder, deren bekanntestes “Muss I denn..” wohl jeder kennt. Die Ablegezeremonie, bei der der Kapitän selbst an den Steuerknüppeln in der sogenannten “Nock” steht, wird von vielen Gästen auf den Außendecks oder den Balkonen verfolgt. Jetzt kommt auch zum ersten Mal Fernweh auf.
Weiter… Teil 3: Seetage sind auch Tage