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Teil 3: Seetage sind auch Tage
Ebenso traditionell ist auch der zweite Tag an Bord ein Seetag. Er steht ganz im Zeichen des Kennenlernens. Nicht wenige Gäste buchen eine Kreuzfahrt, um andere kennenzulernen oder Bekannte wiederzutreffen. So erklärt sich auch der bisweilen hohe Teil an Alleinreisenden. Der Cruise Director geht auf diese Thematik mit verschiedenen Angeboten ein. Besondere Reisen werden von bezahlten Gästebetreuern (männlich) begleitet. Standard ist aber die “Kaffeestunde für Alleinreisende”, die meist von der Hostess geleitet wird. Daneben gibt es Zusammenführungsangebote wie Bridgerunden oder Schach- und Kartenspielgemeinschaften. Diese werden traditionell am ersten Seetag anmoderiert.
Seetage dienen aber auch dem Erwerb einer beweisenden Bräune, vor allem, wenn es in Deutschland gerade Winter ist. Dazu sind das achte und das neunte Deck vorgesehen. Auf dem achten, dem Lido-Deck, liegt man schon morgens am Pool. Eifrige Deck-Stewards servieren hier ab 10.00 Uhr Spezialitäten. Es beginnt mit der Vitaminbar, dem Ausschank frisch gepresster Säfte. Eine Stunde später können Bouillon, Kaltschale und Cracker zu sich genommen werden, und gegen Mittag kann man hundert Meter weiter hinten, auf der Achterdeck-Terasse des Lido Café, bereits wieder Köstlichkeiten zu Mittag essen. Dabei blickt man idealerweise auf das “Schraubenwasser”, die hübsche weiße Schaumspur, die die beiden Azipods (das moderne Pendant zur Schiffsschraube) der Europa in das blitzeblaue Wasser pflügen.
Auf der Brücke, ein Deck höher und ein gutes Stück weiter vorne, hat man während der Nacht die Hausaufgaben gemacht und den Kurs des Autopiloten so gewählt, dass keine Regengebiete auf dem Weg liegen. Die Inszenierung “Kreuzfahrt” lebt auch von blauem Wasser, weißem Schiff und einem strahlenden Himmel.
Während die Europa mit einer moderaten Reisegeschwindigkeit von 15 Knoten ihre Bahn zieht, leben an zwei windgeschützten Stellen Traditionen der Seefahrtsgeschichte auf: die Offiziere treffen sich zum Shuffleboard-Spielen. Dazu gibt es auf den schönen Teakholzplanken des Lido-Decks Shuffleboard-Markierungen. Weil der Begriff “Offizier” auf einem Kreuzfahrtschiff weiter gefasst wird, spielen hier auch mal der Chief Purser oder die Leiterin der Shore Excursion Das Shuffleboard ist eigentlich als Attraktion für die Gäste gedacht, aber die kommen nicht immer.
Der Nachmittag steht ganz im Zeichen der Entspannung, teilweise auf den zahlreichen Sonnenliegen, teilweise in den diversen Cafés und Bars. Gegen späten Nachmittag vollzieht sich ein kleines Wunder: Die Gäste verschwinden.
Die Außendecks sind praktisch leergefegt, ein einsamer Gast, Marke “rüstiger Rentner”, zieht einsam seine Bahn im Pool. Auf den Liegen ein vergessenes Buch. Der Barkeeper der Pool Bar räumt die Flaschen zusammen, Deckstewards stapeln die Stoffpolster der Deckliegen in Locker und rüsten das Deck für die Nacht.
Es sind noch etwa zwei Stunden bis zum ersten gesellschaftlichen Großereignis dieser Reise.
Auf dem siebten Deck, in einer Kaskade von Spiegeln und kleinen Halogenlampen, herrscht um diese Zeit professionelle Hektik. Junge Damen in weißen Hosen und T-Shirts arbeiten im Akkord: die Friseurinnen von “Beauty&Spa” legen letzte Hand an sorgfältig toupierte Hochfrisuren, waschen Tönungen aus oder schieben Trockenhauben beiseite. In der Kosmetikabteilung, hinter einer Milchglastür, werden Masken abgewaschen, und in der Anmeldung vergibt die Leiterin letzte Termine, obwohl eigentlich keine mehr zu vergeben sind. Seit den Morgensstunden hat man hier mit Hochdruck ein Ziel verfolgt: Jede Dame und jeden Herrn für den adäquaten Auftritt in Szene zu setzen.
Um 20.00 Uhr wird Beauty&Spa schließen. Die 5 jungen Damen werden heute pausenlos im Einsatz gewesen sein, und in der Kasse des Konzessionärs werden mindestens ein paar Hundert Euro klingeln. Einen Teil dieses Geldes wird der Konzessionär, ein in Deutschland ansässiger Beautyfarmbetreiber aus dem Kölner Raum, später an Hapag-Lloyd abführen – neben der monatlichen Miete für die Räume.
Weiter… Teil 4: Heben des Kaviar-Schatzes