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Teil 5: Das Leben in Gala

Und dann kommen sie herein: Die Herren im Smoking oder Dinnerjacket, die Damen im bodenlangen Abendkleid, mit Dekolletés von aufregend bis gewagt. Generell überwiegt die klassische Eleganz. Die Karatzahl der versammelten Edelsteine erreicht schnell das Tagesvolumen kleinerer Diamantenbörsen.

Sicherlich kein Zufall, dass auch Edel-Juwelier Wempe (Filialen in 15 deutschen Großstädten) ein Geschäft auf der MS Europa betreibt. Die Auslage zielt auf eine exklusive Klientel: Uhren für 15.000 Euro und mehr, Schmuck für das Doppelte. Derjenige, der es sich leisten kann, spart wenigstens die deutsche Mehrwertsteuer: der Kauf ist zollfrei.

Vor dem Restauranteingang haben sich die beiden Bord-Fotografen aufgestellt. Bilder von der Gala werden natürlich gern gekauft – schließlich soll die Erinnerung weiterleben. Der Maitre D‘ muss in den folgenden Minuten sein erprobtes Lächeln scheinen lassen, denn er wird hinterher in vielen Fotoalben kleben. Ständig kommen neue Paare, die ihn in die Mitte nehmen. Ein Blitz, zwei, und die nächsten bitte.

In den folgenden zwei Stunden genießen die Gäste nun das Können der Truppe um den österreichischen Küchenchef. Der steht ein Deck weiter unten an der “Passe” vor einem Mikrofon und bellt Bestellungen über die Lautsprecher. Die angesprochenen Stationen reagieren blitzschnell. Außer den Sauciers, die das Fleisch braten, und den Fischköchen sind jetzt alle am Anrichten. Das ist anhand mehrerer Demoteller vorher genau abgesprochen und festgelegt worden. Jeder Lauchstengel erhält seinen Platz, jede Karottenscheibe liegt im richtigen Winkel dazu. Fertige Teller werden mit “Gloschen” abgedeckt und auf der “Passe” bereitgestellt. Vor der Passe warten bereits die “Commis” mit großen Serviertabletts. Sie stehen in einer langen Schlange und warten, einige nervös, andere gelassener. Auf den Deckeln der Eiswürfelmaschinen hat man deshalb Schilder angebracht, die das Sitzen dort verbieten. Wenn eine Bestellung fertig ist, bellt der Küchenchef in Richtung der Commis. Der Zuständige lädt nun bis zu 8 gegloschte Teller auf das Tablett und fährt mit einer der beiden Rolltreppen nach oben. Diese Arbeit ist anstrengend, denn die Tabletts wiegen etliche Kilos und wollen balanciert werden. Über allem liegt eine Atmosphäre der Anspannung, denn im Restaurant werden sowohl Teller als auch Commis zurückerwartet.

Der Küchenchef kann nun das Aufgehen einer guten Gleichung erleben: Er hat in den Tagen zuvor geplant, wieviele Gäste welche Gerichte essen werden, und entsprechend vorbereiten lassen. In Teufels Küche, im wahrsten Sinne des Wortes, wäre man jetzt, wenn von irgendetwas zuwenig da wäre. Es passiert selten, aber es passiert. Dann mutiert das perfekte Zusammenspiel der Elemente zum hektischen Laufen, und es wird auch mal gebrüllt, aber nicht Marke Kinder im Sandkasten, sondern richtig. Andererseits darf auch nichts in rauhen Mengen übrig bleiben: der Küchenchef hat weniger kreativ zu kochen als bestimmte Kostenrahmen, die “food cost”, einzuhalten. Jeden Monat legt er der Reederei seine Bilanzen vor. Da zählen nur zwei Kenndaten: Zufriedenheit der Gäste und das ausgegebene Geld.

Apropos Zufriedenheit: Von etwa 300 Gästen werden sich am nächsten Morgen ein oder zwei beschwert haben – trotz exklusiver Zutaten und professioneller Zubereitung. Hummer werden zu zäh, Fleisch zu blutig gewesen sein, und mindestens einem wird schlecht geworden sein. Letztere implizieren gern, dass wohl abgelaufene Zutaten verwendet worden seien. Auch wenn man einige Decks weiter oben diese Beschwerden dem Gast zuliebe ernst nimmt, weiß die Küche, dass es am Essen nichts zu beanstanden gibt.

Im Anschluss an das Essen, gekrönt von Nachspeisen und vielleicht einem Espresso, verlagert sich die Gesellschaft in den vorderen Teil des Schiffes. Dort befindet sich, auf dem gleichen Deck wie das Hauptrestaurant, die “Europa Lounge”, eine Sessellandschaft, die sanft zu einer großen Tanzfläche mit Bühne abfällt. Gala-uniformierte Servicekräfte stehen bereit und geleiten die Herrschaften zu freien Plätzen. In wenigen Minuten wird hier der Willkommensball steigen. Cruise Director und Kapitän werden ein paar Worte an die Gäste richten. Und alle Künstler, die in den nächsten Tagen auftreten werden, werden sich vorstellen. Dann wird eine Tanzkapelle spielen, bis der Großteil der Anwesenden auf dem Parkett hin- und herschaukelt. Unterstützt wird das gelegentlich durch die Lage der Lounge: Im Bug spürt man die Bewegungen des Schiffes bei unruhiger See stärker.

Mit diesem Ball endet der Seetag. Einige Gäste werden noch bis 12, gelegentlich ein Uhr in den Bars bleiben. Danach versinkt der öffentliche Bereich der Europa in Ruhe.

Schon am nächsten Tag wird man wieder in einem neuen Hafen liegen. Morgens, wenn die Gäste aufwachen, wird das Anlegemanöver meist abgeschlossen sein. Es wird Frühstück geben, und die Ausflugsbusse der Shore Ex werden auf der Pier warten, um die gebuchten Landausflügler aufzunehmen.

Diese Ausflüge, halb- oder ganztags, werden zum Mittagessen oder gegen frühen Abend zurückkehren. Und das Schiff wird in der Regel am frühen Abend wieder ablegen.

Im Verlauf der Reise wird es mindestens noch eine weitere Gala geben, bei längeren Reisen auch zwei. Zusätzlich wird die Küche mehrere Themenmenüs vorbereiten, zum beispiel “Arabische Nächte” oder das “Köche-Dinner”, bei dem die Köche Spezialitäten ihrer Heimatregionen zubereiten dürfen. Dies endet mit dem Einmarsch der in tadelloses Weiß gewandeten Köche, alle adrett mit blauen Schürzen und weißen Papierhauben auf den Köpfen, zu dem der Küchenchef eine Ansprache hält und die einzelnen Schöpfer namentlich vorstellt.

Jeder der folgenden Tage wird einen Hafen zum Ziel haben, vielleicht einen weiteren Seetag wird es geben. Dann, am vorletzten Tag der Reise, wird traditionell der Abschied zelebriert, und zwar mit dem großen Abschiedsball. Dieser unterscheidet sich vom Willkommensball in zwei Punkten: Es gibt eine andere Sorte Kaviar zum Dinner, und der erste Offizier wird die Seekarte versteigern.

Weiter… Teil 6: Schlussakkord

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