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Wo verbringt man seine Freizeit?
Kreuzfahrt Crew FAQ
Was man komischerweise oft gefragt wird: Wenn Du auf dem Schiff arbeitest, kommst du dann auch manchmal an Land? Offensichtlich scheinen viele Menschen zu glauben, man fährt ein halbes Jahr durch die schönsten Gegenden der Welt und sitzt dabei an einem Schreibtisch. Glücklicherweise lässt sich sagen: Das ist ganz und gar nicht so. Was im übrigen einen Kreuzfahrer von einem Bananenfrachter unterscheidet, das ist die Tatsache, dass der Kreuzfahrer fast jeden Tag einen Hafen anläuft. Seetage werden da kalkuliert und sparsam eingestreut. Dabei ist nicht etwa die Nettigkeit der Reederei gegenüber der Crew der ausschlaggebende Punkt, sondern einzig und allein das Wohlergehen der Gäste. Die wollen viel von der Welt sehen und nicht tagelang auf See sein. Davon profitiert auch die Crew.
Ist man dann doch mal auf See, stehen auch eine Reihe von Möglichkeiten offen, wo man sich hinlegen und schlafen kann. Der Körper braucht schließlich Reserven, um abends feiern zu können.
Onboard -Sonnendeck
Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf’m Sonnendeck… Entweder auf dem Elfer Deck, ganz oben (das ist eigentlich nur ein ausgebautes Peildeck, wo die Radarmasten stehen), oder vorne auf dem Siebener, oder gerne auch auf dem vorderen Mooringdeck.
Onboard – Piesel
Nach Mitternacht wird es leer in den öffentlichen Bereichen der Europa. Ein paar versprengte Herren, die sich bei einem Whiskey und einer dicken Zigarre gegenüber sitzen, als müssten sie ein altes Klischee hochhalten, sind die letzten, die noch in den Bars hängen. Bald werden auch sie in ihre Suiten zurückkehren.
Nachts sind Kreuzfahrtschiffe in der Regel auf See, mit Kurs auf den nächsten Anlaufhafen. Auf der Brücke ist es stockfinster, die Instrumentenbeleuchtung ist gedimmt, und der Officer of the Watch wirft prüfende Blicke auf das Kollisionsradar, das die Wege der anderen Schiffe als Linien darstellt.
Mehrere Decks weiter unten beginnt jetzt der Tag. Ganz vorn im Bug liegt dort, mit dem gediegenen Charme eines Jugendherbergs-Aufenthaltsraums, die “Piesel”, die Crewbar der Europa. Sie füllt sich langsam mit Leben. Um elf trudeln die ersten von Küche und Restaurant ein. Die beiden Filipinos am Ausschank haben jetzt eine Menge zu tun. Wodka Red Bull, Dösi und Myers Cola laufen gut. In der Mitte der Tanzfläche kämpfen 4 Mann um Sieg und Verlust am Kicker. Verlust bedeutet, einen auszugeben. Zu null bedeutet, unter dem Tisch durchkriechen zu müssen. Weiter hinten fährt man gegeneinander Autorennen, und jemand kümmert sich um die Musik.
In der Musik der Europa gibt es einige Konstanten, die man schön finden kann oder nicht. Meistens kommen sie aus der rustikaleren Ecke. Der friesische Liedermacher Hans Hartz hat einen festen Platz, ebenso Teddybär eins-vier, und verschiedene Verschnitte aus der Punk-Ecke sind ebenfalls beliebt. Techno kann sich –trotz entsprechender Versuche des Restaurants- nicht durchsetzen.
Die Piesel hat jeden Tag offen, außer vor Embarkations. Um eins endet der Ausschank, um 4 gehen die letzten. Absolute Ehrensache ist es, am nächsten Tag pünktlich anzufangen –egal, wann man ins Bett gekommen ist. Und in vielen Bereichen lebensrettend: Wer dreimal verschläft, fährt nach Hause. Die Regeln sind einfach und hart.
Offboard -Landgang
Das Ritual ist für die meiste Crew gleich: Ab 12 beginnt die Mittagspause. Wer es eilig hat oder Lokalkolorit schnuppern möchte, lässt schon das Mittagessen an Bord ausfallen und stürmt kurz nach 12 von der Gangway. Ansonsten kann man noch schnell in der Crew Mess essen und sich dann um eins verabreden. Das Praktische an der Crew ist natürlich, dass sich unter 200 Mann immer Gruppen mit gemeinsamen Interessen finden. Die einen möchten shoppen, die anderen was von Land und Leuten sehen, andere fotografieren und ein großer Teil möchte meistens einfach nur an den Strand. In vielen Ländern ist es lächerlich billig, sich zu mehreren ein Taxi zu nehmen. Prominenteste Ausnahme war die Insel Reunion, wo eine Taxifahrt vom Hafen bis in die 10 Kilometer entfernte Stadt St. Denis atemberaubende 40 Euro kostete – und das gleiche nochmal zurück. Weltweit gilt: Am besten vereinbart man mit dem Fahrer vorher einen Preis (ggf. für Hin- und Rückfahrt in einem) und kann dann ganz entspannt reisen. Bezahlt wird natürlich am Ende des Trips. So braucht man sich auch keine Sorgen zu machen, ob der Fahrer wiederkommt (wenn man sich z.B. zum Strand fahren lässt). Außerdem vermitteln Taxifahrer eindrucksvolles Lokalkolorit. Nie werde ich die –nach eigenem Bekunden- einzige Taxifahrerin von Jamaica vergessen, die uns unter anderem Details über die Finessen der lokalen Straßenverkehrsordnung enthüllte. So ist es zum Beispiel verboten, links abzubiegen, wenn man dadurch den Verkehr auf seiner Spur behindert. Gekrönt wurde das Erlebnis durch eine unheimliche Begegnung der dritten Art: Mitten im jamaicanischen Feierabendverkehr sahen wir, wie vor uns auf der Gegenfahrbahn die Autofahrer Haken schlugen. Der Grund war offensichtlich ein Rollerbladefahrer, der ungeachtet der Straßenbreite raumgreifend seine Bahnen zog. Ein Europäer mit grauem Haar und Schnurrbart und einer prolligen Sonnenbrille, der beim Näherkommen als Butler Rudi vom Schiff zu erkennen war. Tolle Taxifahrten habe ich auch auf Madagaskar erlebt, der Insel mit den meisten R4s (das war mal ein Auto).
Für die meiste Crew endet der Landgang nachmittags um 4 oder um 5 Uhr. Dann geht’s wieder an die Arbeit. Schlimm ist das meistens nicht, denn gegen 6 fährt das Schiff üblicherweise weiter, zum nächsten Hafen. Es sei denn, es gibt eine:
Offboard – Overnight
Etwa zwei- bis dreimal im Monat schlägt das Crewherz höher. Overnight, das magische Zauberwort. Für einen Tag vergessen, dass man auf einem Schiff arbeitet und unterwegs ist. Denn man kann eine Nacht im gleichen Hafen bleiben.
Meistens bedeutet das, dass man tagsüber schon das klassische Touriprogramm absolviert, abends nochmal eine Schicht arbeitet und sich mit allen anderen gegen elf draußen auf der Pier versammelt, um das Nachtleben auszuprobieren. Auch wenn man es nicht für möglich hält: Nachtleben gibt es überall, außer vielleicht auf Malta. Selbst in den dämlichsten, gottverlassensten Orten im brasilianischen Amazonasgebiet gibt es Discos oder Clubs. Und wenn auch die meisten in kleinen Grüppchen starten, kann man fast sicher sein, dass sich irgendwann später alle zuverlässig im letzten offenen Laden wiedersehen. Das ist das Schöne an einer Crew: Mit deinen 200 Mann, die relativ geschlossen auftreten, bestimmst du in den meisten Orten für einen Moment die ganze Szene. Wenn die Crew in einen leeren Laden einfällt, ist es danach ein voller Laden. Und so gibt es an der einen oder anderen Location Spezialpreise, eine nette Ansage durch den DJ oder mal eins auf die Fresse, wenn das der Dorfjugend nicht passt (Stichwort Durban). Durch die große Zahl an Spendierfreudigen trinkt man auch immer ein bisschen mehr, als man eigentlich wollte.
Unangenehme Nebeneffekte: Schiff verpassen
Ausgemalt haben es sich viele in ihren Schreckensträumen. Geschafft hat es nur einer. Damals, auf Mykonos… Dort verloren wir unseren Videoman, einen unheimlich sympathischen, bisweilen aber auch leicht verstrahlten Zeitgenossen. Ein netter Kapitän hatte dafür gesorgt, dass die Tender stündlich bis morgens um 5 verkehrten. Und die Crew hatte sich nicht lang bitten lassen und war heuschreckenartig in Mykonos-Stadt eingefallen, das zu dieser Zeit bereits unter dem Ansturm zweier weiterer Kreuzfahrtschiff-Crews etwas unübersichtlich wurde. Irgendwann im Verlauf des Abends und irgendwo in diesem Gewühle muss der Videoman abhanden gekommen sein. Was weiter geschah, darüber gehen die Schilderungen auseinander. Fest steht jedenfalls, dass man im letzten Tender vergeblich auf ihn wartete. Nachdem er eine halbe Stunde über die Zeit war, und das Schiff um sechs Uhr ablegen sollte, war man gezwungen, aufzubrechen und ihn seinem Schicksal zu überlassen. Und während wir am nächsten Tag planmäßig durch die Ägäis kreuzten, verbreitete sich das Gerücht vom nicht aufgetauchten Videoman wie ein Lauffeuer an Bord. Das Pursers Office versuchte verzweifelt (und vergeblich), ein Lebenszeichen oder einen Aufenthaltsort zu ermitteln. Auch Anrufe in Deutschland bei seinen Eltern oder seinem Arbeitgeber, dem Konzessionär Classen, brachten keine weiteren Erkenntnisse. Am nächsten Tag liefen wir morgens um sieben die Insel Lesbos an, und siehe da, wer stand auf der Pier, wohl erhalten aber ein bisschen streng riechend? Der Videoman.
Die Geschichte, die er erzählte, war ein wenig abenteuerlich. Irgendwie muss er irgendwo mit irgenwem in Streit geraten sein, der ihm entweder eins auf die Nuss gab oder was in den Tee tat. Jedenfalls wachte er wohl auf, als die Sonne schon hoch stand und das Schiff schon fern war. Geld und Papiere hatte er keine mehr. Er ging dann zur Polizeistation auf Mykonos, wo man ihm einen Fährgutschein nach Athen und ein “Empfehlungsschreiben” für die dortige Polizei mitgab, mithilfe dessen er dann eine Passage nach Lesbos bekommen sollte. Wesentlich umständlicher hätte man ihn nicht mehr schicken können, denn Mykonos und Lesbos liegen nur 100 sm (ca. 180 km) weit entfernt, und Athen liegt eine ganze Ecke weiter. Was in dem ominösen Schreiben stand, weiß der Videoman bis heute nicht. Er spricht kein Griechisch. Auf der Polizeiwache in Athen wurde man jedenfalls rot im Gesicht und es waren Halsschlagadern zu sehen, bevor man ihn mit roher Gewalt an die frische Luft setzte. Den gesamten Rest des Tages verbrachte der Videoman dann auf dem Flughafen von Athen, wohin er sich durchgeschlagen hatte, mit dem Versuch, einen deutschen Touristen zu finden, der bereit war, ihm das Geld für ein Flugticket nach Lesbos zu pumpen. Gegen Abend streckte ihm eine junge Deutsche, die er nicht kannte und die ihn nicht kannte, die knapp 50 Euro vor, auf die Gefahr hin, ihr Geld nicht wiederzusehen. Er schlug sich dann dort irgendwie die Nacht um die Ohren und flog am nächsten Morgen mit einer ganz frühen Maschine nach Lesbos; rechtzeitig, um uns anlegen zu sehen.
Die Konsequenzen aus diesem Abenteuer fielen übrigens für den Videoman glimpflicher aus, als sie für die meisten Crewmembers ausgefallen wären. Für einen regulären Angestellten wäre die Reise an dieser Stelle zu Ende gewesen. Da er über einen Konzessionär angestellt war, musste dieser entscheiden. Und weil er auf die Schnelle keinen neuen Kameramann fand, beließ es Dr. Manfred Classen bei ein paar ermahnenden Worten.
Offboard – Kloppe
Ich sage nur: Stichwort Durban. Alle Beteiligten wissen Bescheid. Wie es eine Bartenderin im Anschluss ausdrückte: Wir werden es wahrscheinlich noch unsern Enkeln erzählen. In Durban haben wir richtig fett einen auf die Fresse gekriegt. Und das, obwohl wir zahlenmäßig überlegen waren. Es war irgendwann so gegen drei Uhr morgens in der einzigen angesagten Stranddisco in diesem dämlichen Scheißkaff, Joe Cool’s. Nachdem wir den Laden den ganzen Abend dominiert hatten und denen auch richtig hübsche Deckel beschert haben, kam irgendjemand auf den Gedanken, dass ihm die schwarze Lederjacke von einem unserer Köche nicht gefällt. Ruckzuck gabs auf der Tanzfläche eine wilde Keilerei, und wir traten nach kurzer Überlegung und so gut wie keiner Gegenwehr den Rückzug an. Arschgeigen-Schlägertypen, die sogar einer Frau –und einer hübschen dazu- ungeniert ins Gesicht boxen, geht man sinnvollerweise aus dem Weg. Da ist so ein Fanatismus dahinter. Wir traten in mehreren Taxis den Heimweg an und versammelten uns auf dem Elfer Deck, um noch einen auf den Schrecken zu trinken. Die Bilanz des Abends: Eine beschädigte Nase, ein leicht bearbeitetes Gesicht und eine extrem fettes blaues Auge, das zu seinen Spitzenzeiten so weit zugeschwollen war, dass der Besitzer nicht mehr durchschauen konnte. Da er im Service arbeitete und man ihn in diesem Zustand nicht auf die Gäste loslassen konnte, brachte ihm das ein paar freie Tage. Ferner eine schwarze Lederjacke, die im Handgemenge zurückblieb. Und eine zurückgekaufte Brille, die ein Arsch im Handgemenge aufgesammelt hatte und und mitgehen lassen wollte. Der Asia-Koch, um weitere Auseinandersetzungen zu vermeiden, bot dem Dieb kurzerhand 20$ und konnte sie unblutig mitnehmen. Ich fand das unter anderem deshalb bemerkenswert, weil es meine Brille war. Danke nochmal.